Wie die letzte Rabenmutter

Ich bin ein friedliebender Mensch. In meinem Alltag wünsche ich mir nichts mehr als Ruhe, Harmonie und Zufriedenheit. Was sich manchmal schon nicht erreichen lässt, wenn man sein Leben mit einem Partner teilt. Und was höchstens punktuell möglich ist, wenn man seinen Alltag mit einem wetterwendischen kleinen Springteufel a.k.a. einem Dreijährigen in der Selbstfindungsphase verbringt.

Im Moment macht mich das Mamadasein unglaublich müde. Ich will nicht um alles kämpfen. Ich will nicht schimpfen und schnauzen. Ich will nicht erschöpft eine „Sendung mit dem Elefanten“ nach der anderen erlauben, weil ich einfach zu k.o. für Alternativen bin. Denn eigentlich hatte ich mir das mit der Erziehung und der Kinderbetreuung alles anders vorgestellt.

Eine ganz liebevolle, geduldige und verständnisvolle Mama wollte ich sein, die emotionale Ausbrüche gut begleitet, Geborgenheit bietet und die persönliche Entwicklung mit nicht spektakulären, aber doch gemeinsamen Aktivitäten fördert.

Stattdessen hänge ich seit Wochen einfach durch. Es gibt die Zeiten, in denen es gut klappt mit der liebevollen Begleitung, der Förderung und der Geborgenheit. Und dann gibt es die Augenblicke, in denen Fips mir handgreiflich den Mund zuhalten will, damit ich bloß nicht mit anderen Menschen spreche, in denen die kleinsten Alltagsverrichtungen zur Kraftprobe für mich werden und in denen ich dem endlos nörgelnden, allen Versuchen zum Trotz restlos unzufriedenen kleinen Satansbraten einfach ratlos gegenüberstehe. Ich weiß manchmal buchstäblich nicht mehr weiter.

Ratlos. Ich bin einfach ratlos.

Was macht man, wenn alle Ansagen von freundlich bis bestimmt einfach ignoriert werden? Wenn immer noch ein Gang zugelegt wird, bis die mütterlichen Nerven zum Zerreißen gespannt sind?

Liebevoll auf das Kind zugehen, säuselt mein pädagogisch wertvolles Restgewissen: Das ist keine manipulative Machtprobe, sondern ein ganz normales Grenzentesten zwecks gesunder Persönlichkeitsentwicklung. Du bist die Erwachsene, das ist nicht persönlich gemeint, also entspann dich.

BLABLABLA, schreit mein überreiztes Nervensystem: Knebeln, teeren, fed… – nee, doch lieber nicht. Aber so ähnlich. Wenigstens mal kurz den Ton ausknipsen. Oder leiser machen. Mal drei Schritte auf Abstand gehen, durchatmen.

Aber wie soll man als Mutter auf Abstand gehen? Fips jedenfalls kommt dann erst recht hinterher. Macht ja auch Sinn: Wenn die Alte vielleicht demnächst in die Steppe flieht, sollte man auf Tuchfühlung sein, um den Anschluss nicht zu verpassen. Aber bei allem Sinn macht es mich auch verrückt.

Mehr Demut, bitte. Aber woher?

Früher bedeutete Tuchfühlung Zufriedenheit. Ich konnte zwar nicht alleine aufs Klo, aber dafür war mein Kind entspannt. Jetzt bedeutet enger Kontakt Terror in Reichweite. Habe ich das grad wirklich so hingeschrieben? Verdammt, ich fühle mich wie das Letzte, weil ich so empfinde.

Mein Kind ist gesund und entwickelt sich prima. Es ist neugierig und wissbegierig. Es entdeckt, was es möchte und was nicht und lässt sich meistens mit ein paar kleinen Tricks bei Laune halten. Neins werden hinterfragt und Erklärungen meistens akzeptiert. Es lacht ganz wunderschön und ist liebevoll zu Tieren. Was will ich denn noch?!?!

… doch, ich will noch was. Meine Ruhe will ich.  Sehr.

Regretting Motherhood

Ob ich das Kinderkriegen bereue, wurde ich neulich gefragt. Und nein, ich bereue es nicht. Wenn ich Fips nicht bekommen hätte, wäre mir mein Leben leer vorgekommen und auch jetzt ist Fips der Sinn, warum ich hier bin.

Wenn es nur noch ein Stück Brot im Haus gäbe, nur noch ein Hemd – ich würde nicht mal überlegen, wer es bekommen sollte. Ich würde mir die Hände abhacken und auf Knien in die Hölle und zurück kriechen, wenn es für Fips wäre. Alles würde ich tun, damit es meinem Kind gut geht, und hergeben würde ich es niemals.

Aber ich verstehe jetzt auch, was vor ein paar Jahren hinter #regrettingmotherhood stand: Denn man lebt für viele Jahre kindbestimmt. Ob es der Job ist, die Hobbys oder einfach nur der allgemeine Gefühlszustand – alles ist durch die Mutterschaft beeinflusst. Früher habe ich dieses Bedauern mit fehlender Liebe verwechselt, aber das stimmt nicht: Würde man nicht lieben, würde man einfach weiter sein Ding durchziehen und sich einen Scheiß um kindliche Bedürfnisse scheren.

Vielleicht hängt auch viel davon ab, wie sehr der Vater involviert ist. Sicher gibt es Erleichterung, wenn man Launen, Pflichten und Geduldsfäden teilen kann. Unsere Lebenssituation bedingt, dass ich sehr viel allein mache und dass es oft keine Fluchtmöglichkeit gibt.

Selber schuld?

Manchmal überlege ich, ob ich mich möglicherweise selbst in einen dauerhaften Alarmzustand hineinmanövriert habe. Ich will immer da sein, das habe ich mir vor Fips’ Geburt damals vorgenommen. Führt es jetzt dazu, dass ich Fips’ fortschreitende Entwicklung innerlich irgendwie verpasst habe, weil ich bei jedem Moodswing zur Stelle bin und immer ein Auge auf alles habe? Bringt es mich in einem ständigen Habacht-Halbstresszustand, der vieles Gute einfach überdeckt und mich damit langsam fertig macht? Oder ist diese Anspannung einfach das einfach das Gefühl, das neben dem Begriff „Mutterschaft“ im Emotionslexikon steht?

Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich gern wieder entspannter wäre. Würde Fips auch gut tun, denn als Mama färbt man ja ab und je genervter ich bin, desto nervenstrapazierender wird Fips. Geht gar nicht anders.

Schön. Jetzt habe ich den Mechanismus mal wieder verstanden und fühle mich immer noch nicht besser. Vermutlich hilft an dieser Stelle wieder nur die gebetsmühlenartige Wiederholung eines ganz bestimmten Satzes, den jede Mutter als Mantra am besten schon während der Schwangerschaft auswendig lernt.

Es ist eine Phase. Es ist eine Phase. Es ist eine Phase.

Denn bald, ratzfatz, haben wir muffige Teenager im Haus, die ihr Zimmer nur noch verlassen, um den Kühlschrank leer zu fressen, das Bad zu blockieren oder Geld für dubiose Freizeitaktivitäten einzufordern.

Hach, wird das schön werden! … und hach, was werden wir das gepiepste „Hab dich lieb, Mama“ und den nassen Platschkuss zwischen zwei Wutanfällen vermissen. Ihr kleinen Teufel.

3 Gedanken zu “Wie die letzte Rabenmutter

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    „Verdammt, ich fühle mich wie das Letzte, weil ich so empfinde.“

    Nein! Das ist völlig okay. Du empfindest, wie du empfindest – lass das zu! Du darfst auch mal wütend, frustriert, genervt, … sein, du darfst dein Kind in Gedanken des Terrors beschuldigen und am liebsten an die Wand klatschen wollen. Lass diese Emotionen zu, lass sie nur nicht an Fips aus (aber das tust du ja auch nicht). Lass sie zu, und dann reflektier sie, so wie hier. Du hast ja selbst schon erkannt, dass du eine bessere Mutter bist, wenn es dir selber gut geht – und dazu gehört, deine Emotionen gesund zu verarbeiten, nicht, sie zu unterdrücken.

    Denk dran: Niemand ist perfekt, und auch du musst nicht perfekt sein, erst recht nicht in deinen Gedanken und Gefühlen. Ein Kind strengt nun mal an, und das ist okay. Das macht weder dein Kind zu einem schlechten Kind noch dich zu einer schlechten Mutter.

    Und wenn dir doch mal was rausrutscht? Wenn du Fips im Eifer des Gefechts doch mal ein „Terrorisier mich nicht“ an den Kopf knallst, oder etwas anderes, das dir unverzeihlich vorkommt? Dann – halt inne, atme tief durch und bitte ihn um Entschuldigung. Du zeigst ihm so viel Liebe und Geduld. Du kannst ihm so viel verzeihen. Und das lernt er von dir! Kinder, die geliebt werden und denen verziehen wird, können Liebe und Verzeihung genauso schenken. Was am Ende hängenbleibt, ist nicht, dass dir einmal der Geduldsfaden gerissen ist, sondern dass du deinem Kind an allen Tagen die Liebe und Geborgenheit gegeben hast, die es braucht.

    Also: Sei nett zu dir selber. Lass deine Gefühle zu. Du bist so ungefähr das Gegenteil einer Rabenmutter. Du machst das super! Nicht obwohl, sondern weil du Mensch bleibst, mit allen Höhen und Tiefen, Stärken und Schwächen.

    P.S. Und ich finde es toll, dass du hier so schonungslos ehrlich bist! Bewundernswert. Du bist schon echt stark 🙂 Weiterhin alles Gute für dich und deine kleine Familie. Ihr rockt das 😉

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    • Sabine Wirsching schreibt:

      Danke dir für deine ehrlichen Worte!! Und dass du mich damit ein wenig aufgefangen hast. Wenn man so im Tunnel steckt, sieht man manchmal schon gar kein Licht mehr, aber nun wird es langsam wieder, glaube ich. Es wird weitergerockt!! ❤

      Gefällt 1 Person

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