Terrible Two oder Terrible 2020?

Ich denke, die 13 als Pechsymbol und die 666 als Zahl des Bösen haben ausgedient. 2020 ist Satans neuer Liebling! Ganz abgesehen von den politischen etc. Entwicklungen, auf die ich hier nicht eingehen will, verlangt dieses Jahr Eltern und Kindern einiges ab.

Wir als Fipsfamilie sind hier noch ganz gut weggekommen: Wir haben ein Häuschen auf dem Land, so dass weder Ausgangsbeschränkungen, noch Maskenpflicht uns wirklich Schwierigkeiten gemacht hätten. Ab in Wald und Wiese, so hieß unser tägliches Programm, und das war mundschutzfrei. Auch mit der Arbeit hatte ich großes Glück: Ein unverhofft großzügiger Arbeitgeber und zwei der besten Vorgesetzten haben mir monatelang felsenfest den Rücken freigehalten, so dass die Balance zwischen Kind und Schreibtisch irgendwie machbar war.

Der katastrophalste Urlaub aller Zeiten

Die Lockdown-Monate waren so fast wie Urlaub. Okay – wie ein ziemlich irrer Urlaub, bei dem immer wieder geballte Arbeitsstunden eingeschoben werden mussten, Mama und Papa sich andauernd sinnlos in die Haare kriegten und kein Silberstreif am Horizont zu sehen war, weil einfach kein Datum für den Rückflug dingfest gemacht werden konnte. Aber wir haben es irgendwie hingekriegt und uns nicht umgebracht. Hold my Fledermaus.

Als die Spielplätze wieder öffneten und man sich zaghaft traute, an frischer Luft und mit gebotenem Abstand Zeit mit Freunden zu verbringen, wurde es ein bisschen leichter. Dachte ich.

Doch plötzlich hatte ich ein Kind, das jede körperliche Überlegenheit gegenüber anderen Kindern zum Schlagen, Schubsen, Hauen und sogar Treten nutzte und ganz nebenbei die charmante Oper von „Das kannst du nicht! Du darfst das nicht! Das ist meins! Das ist MEINE MAMA! Mama, komm her!“ zum Besten gab. Und das natürlich immer, wenn ich hoffte, mir ein paar winzige Minuten Freiheit zum Durchatmen gönnen zu können.

Ist das mein Kind?!

Fips ist kein sanftes, duldsames Lämmchen, nie gewesen. Die Butter auf seinem Brot blieb immer, wo sie war, da ließ Fips sich nichts nehmen. Aber ein Wüterichrabauke war mein Kind eigentlich nie. sondern bei aller Lebendigkeit weitgehend freundlich und aufgeschlossen.

Nun plötzlich sah es ganz anders aus. Ich konnte mich nur mühsam gegen die Vorstellung wehren, mit einem richtigen kleinen Widerling unterwegs zu sein #sorrynotsorry Meine Mutterliebe setzte einen Herzschlag lang aus, wenn ich sah, wie Fips kleine Kinder zu misshandeln versuchte. Ja, Phase, ja, Empathieentwicklung, ja, ja, ja – aber was sollte ich dagegen tun?!? Ich würde schließlich auch nicht wollen, dass ein fremder Spielplatzvandale mein eigenes Kind terrorisiert!

Kleiner Terrorist, was nun?

Also gewöhnte ich mir eine sehr enge Begleitung an. Ich blieb in Fips‘ Nähe, immer bereit zum Eingreifen. Und in manchen Situationen (unerreichbar hoher Kletterturm, ein die Leiter hochkletterndes Kind, und oben auf der Plattform ein territorial gestimmter Fips) brach mir der kalte Panikschweiß aus.

Ich hatte wirklich Angst, dass Fips andere Kinder verletzen würde. Und noch mehr: Dass mein eigentlich so liebenswertes Herzkind einen Ruf als Scheißbratze bekommen würde. Dass andere Eltern bei unserem Anblick in Abwehr fallen, Freunde mit Kindern unsere Treffen lieber ausfallen lassen und Fips ein kein tolles Kind mehr sein würde.

Ich war nie das beliebteste Kind und irgendwie hatte ich immer gehofft, dass Fips es leichter haben würde. Aber plötzlich sah es ziemlich anders aus. Und mir sank der Mut.

Ich will an dieser Stelle keine Diskussion über „Wenn du dein Kind nicht betreuen kannst, hättest du keins kriegen sollen“ anstoßen. So können nur Menschen denken, die keine Kinder haben oder deren Elternseele von größerer Reinheit ist als meine. Denn nach zweieinhalb Jahren sehne ich mich zunehmend nach Freiheit. Nach Alleinsein. Danach, meine Reserven in Frieden aufzuladen, mit Musik, mit Sport, mit Ruhe.

Du bist mein Seelenspiegel (again & immer noch)

So sehr ich es unterdrücken wollte (und musste): Ich hatte einen miesen Hüttenkoller, schon vor Corona. Ich wollte RAUS! Und doch musste ich diesen immer heftiger werdenden Drang nach Flucht & Fluchen im Lockdown erneut unterdrücken. Dabei war mir zum Schreien, zum Randalieren, zum Wände eintreten, zum Toben und Augen auskratzen. Kurz: Ich wollte, was Fips tat. Brüllen. Jammern. Um sich schlagen. Randale machen. Alles tun, auf der Suche nach Rettung.

Mutti-mäßig funktionierte ich meistens irgendwie weiter. Fips nicht. Fips tobte und ich konnte es immer weniger auffangen. Im Gegenteil. Wir spiegelten uns gegenseitig und die Zerrbilder, die dabei rauskamen, machten alles immer schlimmer.

Das Rad dreht sich & Wir kriegen die Kurve

Zu unserem Glück drehte sich das Lockdown-Rad weiter. Wir kriegten die Kurve. Mit einem geregelten Alltag wurden die Reibungspunkte zwischen dem Fipspapa und mir weniger; mit geregelten Arbeitsstunden legten sich mein Stresslevel und mein Ohrensausen; mit etwas Kita-Abstand konnte ich mein wunderbares Kind wieder klar sehen.

Ich kapierte auch, dass die klammeraffige Begleitung auf dem Spielplatz gar nicht das sein kann, was gegen Rowdyattacken hilft. „Setz dich mal hin“, sagte der Fipspapa. „Entspann dich mal.“ Zaghafte ließ ich mich auf dem vordersten Rand der Bank nieder. Was wäre, wenn gleich wieder …? Moment.

Mir fiel das Prinzip der Erwartungshaltung ein. Dass Kinder im Prinzip erst mal tun wollen, was die Eltern wollen – schließlich will kein Kleinkind wegen unerfüllter Elternwünsche alleine in der Steppe zurückgelassen werden. Statt zu erwarten, dass Fips gleich wieder einem Fremdkind die Schaufel über den Deetz ziehen würde, sollte ich vielleicht wieder auf den freundlicen Charakter setzen. Mutig rutschte ich mit dem ganzen Hintern auf die Bank und lehnte mich an die Rückenlehne. „Sehr gut“, sagte der Fipspapa und legte den Arm um mich. Gemeinsam betrachteten wir unser spielendes Kind.

Nicht gleich, aber sofort: Szenen zum Lernen.

Nicht an diesem Tag, aber an anderen Tagen trugen sich folgende Situationen zu.

Fips spielte mit einem etwa einjährigen Kind und benutzte dessen Sandsachen. Das kleine Kind nahm Fips die Schaufel weg. Fips riss sie sofort wieder an sich, doch dann sah man es in seinem Kopf rattern. Kurzes Zögern, dann gab Fips die Schaufel zurück. „Ich hole mir dann einfach eine andere, ja?“, sagte Fips muttimäßig und stand auf, um mit einer zweiten Schaufel die unterbrochene Buddelarbeit wieder aufzunehmen.

Ein weiterer Tag auf dem Spielplatz. Beim ersten Versuch, ein Wippetier zu erobern, testet Fips Schubsen aus – erfolglos. Der zweite Versuch ist die Frage: „Darf ich auch mal wippen?“ Und tatsächlich klappt es nun! Fips kann wippen und ich platze fast vor Liebe und Lob ❤

Ein anderer Tag, ein anderer Spielplatz. Zwei kleine Jungs, einer etwas jünger, einer etwas älter als Fips, rücken meinem Kind beim Spielen nicht von der Pelle. Fips möchte aber weder Sandsachen teilen, noch im engen Kontakt mit anderen Kindern sein (auch das ist anders als früher als noch jedes Kind als Mega-Highlight betrachtet wurde). Fips wirft Sand und holt auch schon mit der Schaufel aus. Ich will das übliche „Es wird nicht gehauen!“ rufen, als mir etwas anderes einfällt: „Wenn du lieber allein spielen willst, komm doch hier rüber“, sage ich.

Sofort rafft Fips sein Zeug zusammen und bringt sich erleichtert aus dem Zugriffsbereich der Jungen. Die kommen natürlich hinterher, aber Fips wiederholt meinen angebotenen Satz: „Ich möchte allein spielen, geh bitte weg“ mit Nachdruck. Und die Jungs verkrümeln sich tatsächlich. Sieg und Frieden!

Einen Cocktail, bitte!

Ich atme langsam wieder auf. Mein Kind ist also doch keine Kackbratze, alles ist eine Phase, blablabla. Einmal mehr habe ich gesehen, dass ausgeglichene Mamas auch ausgeglichene Kinder haben und Self-Care deswegen keine Ego-Nummer ist, sondern Notwendigkeit. Und dass Verbote („Nicht XX!“) längst nicht so gut funktionieren wie Alternativen („Mach doch einfach XX statt XX“).

Aber Himmel. Diese 2er und 20er Jahre haben es in sich. Und wer hätte vrdammt noch mal gedacht, dass Erziehen so eine harte Nummer ist?! Ich dachte, das Kind lernt von mir – und nicht, dass ich noch so viel zu lernen hätte. Aber diese banalen Sätze von „Ein Kind verändert das ganze Leben“ und „Lerne von deinem Kind“ haben wohl doch einen wahren Kern. Darauf brauche ich einen Drink, glaube ich. Aber das ist ja auch eine Form von Self-Care, also Prost!

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