Nur 5 Minuten oder Das Dilemma mit den Medien

Vor Fips‘ Geburt war es ein Running Gag in der Fipsvaterfamilie, dass ich – die Öko-Schwiegertochter mit dem vollgepackten Bücherregal und den Dinkelvollkornkuchen – mein Kind weder von Zucker noch von „Feuerwehrmann Sam“ würde fernhalten können. „Spätestens im Kindergarten, wenn die anderen davon reden!“. Tjajaja, DAS wollen wir doch erst mal sehen!! Dachte ich so, mit dem naiven Idealismus der Erstmals-Schwangeren. MEIN Kind doch nicht!! Das wird GANZ ANDERS!

Gut, um Zucker haben wir das erste Jahr konsequent einen Bogen gemacht. Danach wollte ich das süße Zeug nicht verteufeln, aber auch nicht vollfrontal reinstopfen (Spoiler, und weil es eine andere Story ist: Am richtigen Maß arbeiten wir noch).

„Feuerwehrman Sam“ ist auch kurz vor dem fünften Geburtstag immer noch unbekannt. Aber nur, weil’s Fips thematisch nicht interessiert. Genauso wie „Paw Patrol“, der Herr sei gepriesen. „Peppa Pig“ dagegen… wir nennen es hier „Papa-Ding“, weil Fips weiß, dass ich diese grunzende %$*L§!!-Schweinfamilie von vorn bis hinten nicht ertrage. Papa ist da nicht so kritisch.

Aber ich greife vor. Denn wo sind wir eigentlich zwischen „Medien? Ja, na ja, nur in Maßen – wenn überhaupt!“ und brachialer Elsa-Dreamtopia-Gabbykatze-Tagesgestaltung falsch abgebogen?? Wo, zur Hölle, ging mir die Herrschaft über die Fernbedienung verloren?

Ich könnte es auf Corona schieben (wie so vieles): Beim ersten Lockdown war der Fipspapa drei Wochen zuhause und während ich ins Homeoffice einstieg, übernahm er in dieser Zeit die Kinderbetreuung des damals knapp dreieinhalbjährigen Fipskinds. Tja, von sechs Stunden Mama-Arbeitszeit kriegt man mit „Frozen“ schon mal ein gutes Viertel rum.

Bis dahin hatte das Fipslein gelegentlich zuhause mal ein Kinderlied schauen dürfen. Oder gelegentlich eine „Sendung mit dem Elefanten“. Aber immer nur, wenn einer von uns danebensaß und auch immer mit meinem Bestreben, Fips nach der Bildschirmzeit wieder aktiven Tätigkeiten zuzuführen. Ich wollte ja eine gute Mama sein. Eine, die fördert und sich Mühe gibt und Leben teilt.

Ja, fuck, das Leben. Davon gab es in Lockdownzeiten nicht viel. Wir sind auch durch Wald und Wiesen gestreizt, haben Hühner im Nachbardorf gefüttert, Seifenblasen gemacht und Blumen gepflanzt. So ist es nicht. Aber mein Nervenkostüm wurde ziemlich angenagt: Ich bin kein guter 24/7-Kinderbetreuer. Ich spiele nicht gern, ich tüdele nicht gern nur Kinderkram, ich kann nicht mal basteln oder Liedchen singen. Oder kann schon, irgendwie, einigermaßen, aber ich langweile mich so dabei. Was macht man also, wenn man zwischendurch mal eine verdammte Viertelstunde Zeit für sich will, damit einem nicht die letzten Gehirn- und Geduldszellen absterben?

Ja, genau. Man setzt das Kind vor die Glotze. Und das blieb irgendwie so.

Ich verachte mich dafür. Dafür, dass ich nicht in der Lage bin, unseren Tagesablauf so zu gestalten und mein widerborstiges Neinhörnchen so zu motivieren, dass es mit mir fröhlich kilometerweit durch Feld und Flur streift und hinterher still zufrieden in seinem Zimmer Playmobil spielt, nachdem wir zusammen Fensterbilder geklebt und gemeinsam am heimischen Herd einen gesunden Vollwertbratling-from-scratch fabriziert haben. Wirklich! Ich hasse, dass ich das nicht auf die Reihe kriege. Ich fühle mich rabenmuttermäßig deswegen.

Von den wohlverdienten Ruheminuten bis -stunden geht also mindestens die Hälfte für schlechtes Gewissen drauf. Und trotzdem: Fernsehen aka Netflix & Co. ist fester Bestandteil der Tage geworden. Im Sommer weniger, da sind wir nachmittags irgendwo draußen und leben das echte Leben. Aber am Wochenende oder wenn die Tage kürzer werden? Hallo, Couchkind.

Ich sitze auch nicht mehr die ganze Zeit daneben. „Pettersson & Findus“, die Maus (oder der Elefant), „Anna und die wilden Tiere“… das geht noch. Das mag ich auch mitschauen. „Animanimals“ finde ich sogar richtig schön. Wir versuchen auch, den Bilderstrom in halbwegs ruhigen Bahnen zu halten, weil zu Schrilles Fips‘ Hirn derartig in den Overload bringen, dass sogar der medienoptimistische Fipspapa bemerkt, dass da die Synapsen durchbrennen.

Aber es ist… zu viel. Das weiß ich. Es ist nicht nur „Mediengenuss“, sondern „Parkplatz“. Also genau das, was ich nie wollte.

Und was mache ich? Ich sage: „Du darfst noch eine Gabbykatze gucken, ich bin draußen, wenn du mich suchst.“ Und gehe mit sauschlechtem Gewissen in Frieden zumindest die Hälfte meiner Tulpenzwiebeln einbuddeln, bevor der Nachwuchs kommt und „helfen“ will. Denn eins ist nicht zu leugnen: Wenn ich die erste Hälfte der geplanten Tätigkeit in Ruhe und STILLE, verflucht noch eins, hinter mich bringen konnte, ist es wieder schön, wenn Fips strahlend um die Ecke biegt, um das letzte Dutzend Blumenzwiebeln zu versenken. Dann freue ich mich über unser Zusammen-Tun.

Ich versuche mir auch beizubringen, dass ich Pausen haben darf. Zu wünschen, dass ich diese Pausen nicht bräuchte, ist nicht die Löung des Problems: Ich bin eine Mama und ich will eine gute Mama sein, und ich darf Atempausen haben. Und manchmal möchte ich auch mal fünf Sätze am Stück mit meinem Mann reden, bevor wir vergessen, dass wir nicht nur Eltern sind. Nur fünf Minuten! Oder fünfzig. Oder, ehrlichweise ziemlich oft, hastdueigentlichmalaufdieuhrgeguckt!-Minuten.

Ich wünschte, meine Pausen würden immer so funktionieren, wie ich mir das naiv-idealistisch ausgemalt hatte – so wie abends oder am Wochenende morgens, wenn Fips manchmal bis zu zwei Stunden ganz allein im Zimmer still zufrieden Playmobil murkelt.

Vielleicht würde es mit einem Partner, der ebenso fernsehfern aufgewachsen ist wie ich, auch anders laufen. Tatsache ist aber, dass die Welt heute eine andere ist als die meiner Achtziger-Jahre-Kindheit. Und selbst da was es schon unüblich, dass kein Fernseher im Haus war oder man außer abends Sesamstraße nichts weiter gucken durfte.

Tja. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Seit dem Lockdown schaut Fips gern in die Röhre. Und ich brauche Pausen, Ruhe und Stille. Manchmal spielt Fips toll und unfassbar kreativ mit allem Zeug, was das Zimmer hergibt. Öfter als manchmal kuscheln wir uns zusammen und lesen „Pettersson & Findus“. Und manchmal muss ich irgendeine schlechte Anna-und-Elsa-Transkribierung vorlesen… bei der ich mir schon fast wieder wünsche, dass das Kind die Story doch um Gottes Willen bitte lieber hätte „angemacht“ haben wollen.

Und so bleibt es wohl ein ewiges Dilemma. Doch es gibt einen Ausweg, ganz klar – so einfach, dass ihr euch wundern werdet! Wartet nur, bis ich euch dieses Geheimnis… oh. Geschrei. Mist. Netflix scheint zu hängen. Sorry!! Pause vorbei.

Wir lesen uns, Mädels. Wenn Peppa Pig das nächste Mal grunzt ❤

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10 Gedanken zu “Nur 5 Minuten oder Das Dilemma mit den Medien

  1. Cathi schreibt:

    Hey 🙂 ich mach einfach peeeppa pig auf englisch an 😉 dann hab ich kein schlechtes Gewissen weil sie ja ein bisserl was lernt, bzw die Sprache ins Ohr bekommt. Unsere Maus ist jetzt 3 und um sie vom spieli ins Haus zu locken oder beim Zähneputzen muss das einfach sein!
    Hab übrigens deinen Artikel bzgl 2. Kind ja oder nein gelesen von 2019. Hat immer noch die Vernunft gesiegt?? Gaaaanz schwieriges Thema wie ich finde!!
    Liebe Grüße

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  2. Anika schreibt:

    Liebe Sabine, das beschreibst du super gut und ich finde meine idealistischen Vorstellungen auf jeden Fall wieder. Obwohl ich mit Fernsehen aufgewachsen bin und es da kaum Verbote gab. Hier sieht es ähnlich aus – es ist Teil der Tagesroutine und manchmal finde ich es schrecklich, meist aber auch irgenwie okay. Danke für den Einblick in euren Medienalltag. Liebe Grüße aus der anderen Ecke vom Dorf. 🙂

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  3. Rudiger Hesse schreibt:

    Wir haben es in der Tat geschafft unsere Zwillinge bisher fernsehfrei aufzuziehen (und sie werden bald 5), weil wir schlicht keinen Fernseher haben. Das macht es natürlich leichter. Allerdings greifen wir oft zu Hörspielen, wenn wir die Kinder mal eine Stunde „parken“ wollen.
    Was wir auch machen, ist mit den Kindern nicht zu zweit unterwegs sein. Klingt komisch, aber entweder ist meine Frau mit den Kindern unterwegs oder ich. Meistens ich, aber das ist völlig in Ordnung, da ich deutlich lieber unterwegs bin. Dadurch hat der Andere dann frei.
    Gerade in diesem Jahr konnte ich es auch richtig genießen mit den Beiden unterwegs zu sein, weil sie zum Einen mit 4 Jahren schon eine deutlich höhere Interessensspanne haben und zum Anderen dieser ewige Lockdown vorbei war.

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    • Sabine Wirsching schreibt:

      Wir nutzen beide Laptop und Handy für Netflix und Co. für uns, da hilft „kein Fernseher“ nicht 😀 Hörspiele sind erst jetzt (ebenfalls mit 5) interessant geworden. Es klingt ausgewogen und gut durchdacht bei euch!! Der Mann und ich sind ja völlig verschieden aufgewachsen (TV-Kid vs. Biokindheit quasi), konntet ihr von derselben Basis aus starten oder wie habt ihr es euch erarbeitet? Das würde mich sehr interessieren. LG

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      • Rudiger Hesse schreibt:

        In der Tat haben auch wir Laptops und Tablets, aber diese nutzen wir gegenüber den Kindern ausschließlich geschäftlich, d.h. bisher wissen die Kinder noch gar nicht, dass mit dem Laptop auch andere Sachen machen kann, außer Excel 😉 Unsere persönliche Basis war allerdings ganz anders. Wir sind beide in den 80er und 90er Jahren mit Fernsehen groß geworden, in den 80er gab es ja sogar noch sogenannte Straßenfeger, d.h. wir hatten sogar einen intensiven TV-Konsum als Kinder.
        Es hat sich über die Jahre einfach so ergeben, dass wir nie einen Fernseher gekauft haben. Als Studenten hatten wir keinen Platz, später haben wir einfach so selten Filme zu Hause geschaut (per Laptop), dass sich die Anschaffung nie „gelohnt“ hätte. Das Fernsehprogramm ist gefühlt auch deutlich uninteressanter geworden, als noch in den 80er oder 90er Jahren. D.h. es wir hatten auch in den letzten Jahrzehnten keinen „Drang“ doch unbedingt etwas mit sehen zu wollen. Game of Thrones o.ä. lief auch gar nicht im Fernsehen.
        Ich hatte mal, als die Kinder so 2,5 bis 3 Jahre waren, mal eine Folge Sandmännchen auf dem Tablet laufen lassen. Danach waren die Kinder extrem aufgekratzt, wollten es immer wieder sehen und waren nicht ins Bett zu bekommen. Ich habe diesen Test als hochgradig gescheitert angesehen und das haben wir nie wiederholt, weil furchtbar. Nach ca. einer Woche hatten die Kinder es auch vergessen. Seitdem halten sie das Tablet für ein Telefon, z.B. um mit Oma per Videocall zu reden und gut.
        Bücher, das funktioniert bei uns am Abend hervorragend und am Tag auch mal Hörbücher, aber natürlich nicht ständig, denn es soll sich ja nicht abnutzen.

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      • Sabine Wirsching schreibt:

        Diese völlige Aufgekratztheit kenne ich hier auch (sogar von mir selbst) – solche Sendungen vermeide ich dann und achte generell darauf, was Fips so schaut. Ich hätte es zum Einen lieber ähnlich wie ihr es handhabt, sehe zum Anderen aber auch, dass Kinder heute viel „medienkompetenter“ sein müssen als wir damals… die Balance finde ich sehr schwierig!! Ich versuche einfach das beste Mittelmaß zu finden (sagte ich „einfach“?).

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      • Rudiger Hesse schreibt:

        was ich auch interessant finde ist, dass wir inzwischen direkte Vorteile haben aus unserer Vorgehensweise in den letzten Jahren. Ich meine Vorteile daraus, dass die Kinder kein Fernsehen schauen.
        Ich kann wirklich beobachten, dass die Kinder eine längere Konzentrationsfähigkeit und eine höhere Aufmerksamkeitsspanne, als andere Kinder in ihrem Alter, haben.
        D.h. die Phasen, in denen unsere Kinder sich ganz intensiv und vor Allem ohne uns Eltern in ihrem Kinderzimmer mit ihren Sachen beschäftigen, diese Phasen sind bereits sehr häufig und länger. Mit anderen Worten, wir müssen die Kinder kaum noch „parken“, weil wir bereits eine ganze Menge Phasen in der Woche und am WE haben, in denen die Kinder gar nicht nach unserer Aufmerksamkeit verlangen. Im Gegenteil sie kommen in diesen Phasen erst dann zu uns, wenn sie stolz die Ergebnisse „ihrer Arbeit“ zeigen wollen und ich denke, das hängt viel damit zusammen, dass sie nicht gewöhnt sind an die typischen schnellen Schnitte und das immer etwas geschieht in den üblichen Kleinkinderkurzfilmen.

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      • Sabine Wirsching schreibt:

        Das klingt wirklich toll!! Die beschriebenen schnellen Schnitte sind auch das, was Fips geistig überreizt und „aufregt“. Ich sehe in den meisten so produzierten Filmen/Serien auch keinen inhaltlichen Wert, das steht also auch bei uns nicht auf dem Medienspeiseplan. Längere Selbstbeschäftigungsphasen finden hier abends vorm Schlafengehen statt (bis zu zwei Stunden manchmal), am Wochenende morgens und – seitdem das Hörbuch akzeptiert wird – auch manchmal am Nachmittag. Tut allen sehr gut, denn ich fühle mich mit dem Fernsehdilemma immer noch nicht wohl (obwohl die beschriebene Balance inzwischen besser klappt… es sei denn, der Papa hat Aufsichtspflicht… hm ja). Vielen Dank jedenfalls für deine ausführlichen und interessanten Kommentare! Noch eine Frage: „Plant“ ihr eine von euch gelenkte Medieneinführung oder geht ihr (zB je nach Grundschulanforderung) mit dem Flow?

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