Das Ding mit der Dankbarkeit

Hier steht der 5. Geburtstag vor der Tür und eigentlich sollte ich grad voll im Vorbereitungsfieber sein: Geschenke, Kerzen, Kuchen und Konfetti!! Hm ja. Ist aber nicht so. Tatsächlich habe ich im Vorfeld dieses Geburtstags überhaupt nicht die geringste Lust, mir irgendwelche Überraschungen auszudenken. Wieso nicht? Ja, verflucht, wieso nicht??

Es war einmal eine Zeit, in der man Fips mit allem glücklich machen konnte. Ein neues Buch? Prima, bitte gleich lesen! Ein neues Kuscheltier? Oh, wow, soooo niedlich! Eine Kastanie, ganz frisch vom Baum? Waaaaahnsinn!! Dankbarkeit und Freude waren so selbstverständlich. Und dann kam der Tag, an dem alles anders wurde.

Es war dieses Jahr an Ostern. Fips und ich besuchten eine Freundin und ihre Familie, und so liebevoll wie für ihre eigenen Mädels hatte meine Freundin auch für Fips ein Geschenk ausgesucht und versteckt.

Drei Mal darf man raten, wer schon keinen Bock hatte, überhaupt zum Suchen mit in den Garten zu kommen. Hm ja. Nachdem die Mädels fertiggesucht hatten und freudestrahlend ihre Körbchen präsentierten, kam endlich auch Fips nach draußen. Und präsentierte den Wutanfall des Jahrhunderts, weil das Gastgeschenk ÜBERHAUPT NICHT GEWÜNSCHT worden sei!!!!

Kreisch, brüll, kawumms. Määääääääh!!!!!

Ich war… keine Ahnung, was war ich? Wie vor den Kopf geschlagen. Und voller Peinlichkeit. Warum freut sich dieses undankbare Kind nicht? Wie kann es… auch noch bei anderen Leuten… oh Gott. Am liebsten wäre ich wortwörtlich im Boden versunken. Ich kann verflucht schlecht damit umgehen, wenn mein Kind (das so oft Gold und Zucker zu mir ist) gegenüber anderen manchmal so brachial daneben reagiert.

Jedenfalls versuchte ich Fips zu beruhigen, mich zu entschuldigen, irgendwie gute Laune herzustellen. Die mühsam zusammengehaltene Stimmung reichte auch immerhin bis in die Küche als die Geschenke ausgepackt wurden, und Fips noch mal nachlegte.

Kreisch, brüll, rattazong, doofes Spielzeug, nicht gewünscht!! Alles SCHEISSE! Aaaaah!!

Ich war ratlos. Und auch wütend. Hab mir das Kind geschnappt und uns beide aus der Situation entfernt. Es dauerte geschlagene anderthalb Stunden, bis Fips wieder gesellschaftsfähig war. Nachdem ich mir den Schweiß von der Stirn gewischt hatte, dachte ich, dass vielleicht mehr dahintersteckte. Dass etwas anderes nicht stimmte, was nichts mit dem Geschenk zu tun hatte. Vielleicht wurde der Fipspapa zu sehr vermisst, vielleicht Wachstum und Synapsenkasper, vielleicht sonstwas. Man weiß es ja nicht immer.

Für weitere Ostersituationen habe ich Fips trotzdem gewappnet: Wenn du noch mal so einen Aufriss machst, bestelle ich bei allen Omas sämtliche Ostergaben ab. I’m serious. Und wir haben viele, viele Omas. Fips bestätigte und freute sich wie vorgeschrieben. Obwohl ich es mir nicht gewünscht habe, ist das das ein schönes Geschenk, was Oma ausgesucht hat. Begründete den Ausraster selbst mit: Ich hab Papa so sehr vermisst.

Ich hab mich schlechtgefühlt. Ich will Reaktionen nicht vorschreiben. Ich will nicht, dass mein Kind was sagt, um mit mir Freiden herzustellen. Doch ich hatte das Gefühl, andere schützen zu müssen.

Ich habe sehr gehofft, dass es nicht wieder vorkommt.

Doch DAS HAB ICH MIR NICHT GEWÜNSCHT!! blieb.

Gerade mit Aussicht auf den nahenden Geburtstag rede mir den Mund fusselig. Eine Wunschliste ist keine Bestellliste. Man kann nicht bestimmen, was geschenkt wird. Man kann nicht alles bekommen. Das Geschenk sieht vielleicht anders aus als das, was manim Kopf hatte. Manchmal weiß man ja gar nicht, was es alles Schönes gibt. Und auch Erpressungsstrategie tauchte auf: Wer „falsch“ schenkt, macht das nicht mit Absicht. Wer schenkt, will Freude machen, und es macht traurig, wenn diese Freude gar nicht ankommt. Wer für ein Geschenk angeschrieen wird, schenkt vielleicht auch nicht wieder.

Ich merke, wie all das Gerade und mein innerer Stress meine Geburtstagsvorfreude und meine Geburtstagsvorbereitungsenergie zermürben. Ich habe gar keine Lust mehr, mir Überraschungen auszudenken, Tische zu gestalten oder Geschenke auszusuchen. Der Gedanke an Geburtstagsgäste und ihre potenziell „falschen“ Gaben lässt mir schon kalte Schauer über den Rücken laufen.

Immerhin haben meine Fussel am Mund dahin geführt, dass Fips bei unverhofften Geschenken nun oft sagt: „Ich hab mir das nicht gewünscht, aber das ist doch schön!“ Doch als Meister der Rückfrage will Fips natürlich auch wissen, was zu tun ist, wenn das Geschenk doof ist.

Wieder rede ich. Dann sagt man trotzdem erst mal danke. Wenn du dich richtig freust, kannst du laut rufen TOLL! DANKE!, und wenn es nicht gefällt, sagst du trotzdem erst mal danke. Und dann kannst du zu mir kommen und mir leise sagen, wenn es dir nicht gefällt. Und wir kümmern uns dann später darum.

Wie oft habe ich das gesagt in den letzten Wochen. Wir üben das regelrecht ein. Was sagst du, wenn du etwas bekommst? Und was machst du, wenn es dir nicht gefällt? Na? Ich hoffe, dass es hängenbleibt. Als Lösung für Fips, und für mich.

Ich hatte selbst keinen Bock mehr zu schenken. Kein bisschen. Aber andere Fragen wurden gleichzeitig stärker: Bekommt Fips zu viel „zwischendurch“, so dass Beschenktwerden zu selbstverständlich wurde? Und: Muss ich Erwachsene eigentlich vor den Reaktionen eines Kindes schützen?

Empathie erreichen Kinder nachgewiesenermaßen erst mit sechs oder sieben Jahren. Und dass ein Kind nicht immer „gefallen“ muss, ist mir auch klar. In der Theorie ist das ganz easy. Aber was ist mit der verdammten Praxis? Sollte ich am Geburtstag einfach alle Geschenke unausgepackt in einen Sack sammeln und wir erledigen das Auspacken & Ausrasten dann im stillen Kämmerlein?

Ich weiß es noch nicht. Dass Fips inzwischen weiß, was Flohmarkt ist und dass man ungeliebtes Spielzeug dort verkaufen kann, hat die Situation ein wenig entschärft. Vielleicht kann ich die Rhetorik noch dahingehend steuern, dass Fips nicht direkt „Das verkauf ich wieder!!“ ruft, sondern die Verkaufsanweisung nur mir ins Ohr sagt. Bis dahin habe ich Alpträume, die in Geschenkpapier verpackt sind.

Nachtrag: Wir müssen nichts verkaufen. Absolut nichts! Wir hatten einen wunderbar entspannten Geburtstag, mit fröhlichem Geschenkeauspacken und großer Freude über Gewünschtes sowie Ungeplantes!! Für mich war das vielleicht die schönste Überraschung. Aber ich glaube, auch Fips wusste es zu schätzen. Überraschungen sind oft ganz schön toll!

Ganz genau. Ich wisch mir jetzt die Fusseln vom Mund und verschwinde mit dem Rest vom Back-Schnaps aufs Sofa. Und wünsche Dir von Herzen alles Liebe zum 5. Geburtstag, mein kleines Süßschwein ❤

3 Gedanken zu “Das Ding mit der Dankbarkeit

    • Isabella schreibt:

      Da waren Tippfehler drin, sorry

      Nochmal
      Krass,was für ein verwöntes Kind.
      Verkaufen auf dem Flohmarkt als Argument. Geschenke der wesentliche Faktor einer Feier???

      Mir fehlen dir Worte.

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