Mama mag grad nicht.

Manchmal überlege ich, ob ich diesen Blog nicht lieber schließen sollte: Ich habe mich so verändert, seitdem ich das hier begonnen habe. Oder nein – nicht ICH. Ich bin mir sehr ähnlich geblieben. Und das fühlt sich nach Problem an.

Denn ICH ist ein ziemlicher Einsiedler. ICH ist gern allein, liebt das Schweigen und konfliktfreie Luft. ICH entzieht sich häufig. Das war immer so und bricht nun nach ein paar Jahren gnädiger Oxytocyn-Ausschüttung wieder voll über mich herein. Stetiger Körperkontakt, ständiges Reden und Beredetwerden, beharrliches Schlichten, Balancieren und Motivieren macht ICH innerlich sehr leer. Und ist gleichzeitig totaler Overload.

Hör auf, mich zu nerven. Das hab ich neulich gesagt, jetzt, grad erst vor ein paar Tagen. Was für ein Scheißsatz. Nerven. Das bedeutete: Anfassen. Diskutieren. Immer Mitwollen. Das bedeutete: Hör auf, einen eigenen Willen zu entwickeln, mach endlich einfach, was ich will.

Verdammt, Fips ist dreieinhalb. Mit dreineinhalb ist man vollkommen abhängig von denen, die einen betreuen. Wie soll man aufhören zu nerven, wenn man sich längst nicht allein ernähren, kleiden und lieben kann. Wie soll man Mamas Rockzipfel loslassen, wenn sie ganz offensichtlich kurz davor ist, in die Steppe zu rennen und nicht mehr wiederzukommen. Wie soll man nicht penetrant werden, wenn’s ums Leben geht.

Fast vier Jahre lang habe ich durchgehalten. Als gute Mutter. Ich war so happy mit meinem Kugelbauch – aber ganz ehrlich, damals konnte ich auch so egoistisch sein wie noch nie. Schlafen, ausruhen, Leistungsdruck abwenden – niemals wäre das für mich allein durchführbar gewesen. Aber mit einem Baby im Bauch zählte Entspannung plötzlich. Das war eine gute Zeit, als ich für Fips und mich in eins lebte.

Und auch nach der Geburt war es noch lange Zeit okay. Nicht immer leicht, aber all in all fiel mir das Muttersein in den Schoß. Ich wusste, was zu tun war. Und ich habe es einfach gemacht. Manchmal müde, manchmal gereizt, aber Fips war selbstverständlich ein Teil von mir. Fest verbunden. Jetzt löst sich die Verbindung.

Ich kann wieder Freiheit schnuppern. Für mich sein. Ab und zu.

Tut das gut? Ja und nein.

Es ist wie damals als ich nach 20 Monaten nächtlichen Dauerstillens plötzlich wieder länger als anderthalb Stunden am Stück schlafen konnte. Mein Schlafbedürfnis ging erst mal völlig durch die Decke. Ich war nur noch müde, müder als nach acht Mal stillen in acht Stunden Schlafzeit. Als wollte mein Körper alles nachholen, was in 20 Monaten gefehlt hatte. Tiefschlaf wie ein Schlag mit dem Vorschlaghammer.

Ist es jetzt dasselbe? Muss ich erst lernen, mit Freiheit in Häppchen zu leben? Muss mein dummer Kopf erst kapieren, dass ich ab und zu mal ein kostbares Wochenende haben kann, ab und zu ein paar unverhoffte Minuten? Dass es kein Ganz oder Garnicht mehr gibt, sondern abgepackte Rationen vom alten ICH?

Vielleicht.

Doch wie lange dauert es? Wie lange werde ich ein Scheißmutterverhalten an den Tag legen, bis ich mich umgewöhnt habe? Wie lange bin ich für Fips nicht, was ein dreieinhalbjähriges körperkontaktfreudiges Quasselittchen verdient hat? Wie lange verachte ich mich noch selber für das, was ich – ohne Diagnose oder mehr als gefährliches Halbwissen – meinen inneren Asperger nenne?

Denn meine Haut ist entsetzlich dünn. Fühlt sich wund an, wenn jemand jeden Tag, jede Nacht auf Berührung drängt. Mir ist alles zu eng. Mam-maaaaa!! Meine Ohren schrillen. Dabei habe ich das erste Mamama so geliebt.

Mit einem Blog über Mutterhappiness fühle ich mich wie eine Lügnerin.

Ich bin ICH. Ich versuche mein Bestes, weil ich muss. Weil ich nicht verkorksen will, was ich auf die Welt gebracht habe. Weil die Verantwortung neverending ist. Doch manchmal will ich rennen. Laufen.

Ich werde nie gehen, niemals. Das Leben, mein Sinn dieses Lebens, wäre ja vorbei. Denn die Anstrengung, das hier gut zu machen, ist jetzt der Sinn. Ich weiß das.

Aber was kann ich dann tun. Was kann ich tun, weil ich nicht gehe? Ich könnte den Blog löschen, weil ich mit meiner Anfangsfreude nicht mehr mithalten kann. Oder ich akzeptiere, dass alles eine Phase ist. Auch ICH.

Und ich kann mir immer wieder vorsagen, was für jeden anderen mein Standardrat in jeder Situation ist: Du kannst immer neu anfangen, jeden Tag, jede Sekunde. Immer wieder.

Aber. Fuck. Warum ist es so hart.

11 Gedanken zu “Mama mag grad nicht.

  1. Kristin schreibt:

    Ich spreche den Satz häufiger aus. Betrachte es mal nicht als Phase von dir, sondern von der anderen Seite des Kindes. Dir wird instinktiv klar, dass auch dein Kind sich selbst nicht mehr mit dir ausschließlich als Einheit begreift. Nun kann er lernen zu verstehen, dass auch andere Menschen unterschiedliche Grenzen und Bedürfnisse haben, und diese stimmen nicht unbedingt mit der eigenen Wahrnehmung überein. Ich habe zu Hause eine Quasselstrippe, die nicht nur durch die Menge, sondern auch durch Lautstärke besticht und zudem noch körperlich sehr anhänglich ist. Es ist körperlich und psychisch mitunter sehr anstrengend. Und ich versuche schon auch zu vermitteln, dass meine Aufnahmefähigkeit irgendwann erschöpft ist. Letztendlich bemisst dein kleiner diesen Satz gar nicht so negativ, wie du es tust. Durch deine Reaktion und deinem Gewissen bestimmst du die Stimmung. Meine Kleine hat mittlerweile verstanden, dass auch jeder Mensch Zeit für sich oder bei bestimmten Tätigkeiten ein wenig Ruhe benötigt. Du nervst kannst du vielleicht umändern in das Verhalten nervt, und es dann begründen. Erklär deine Gefühle in Zusammenhang mit deiner Reaktion. Kinder sind oft verständnisvoller als wir es erwarten. Ich versuche auch täglich daran zu arbeiten.

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    • Sabine Wirsching schreibt:

      Ich erkläre auch viel und solange ich noch erklären kann, empfinde auch ich es als „halb so schlimm“. Schlimm wird es erst, wenn der Affekt aus mir spricht, weil meine Ohren dauerklingeln. Dann kann ich mich gar nicht mehr leiden. Danke für deine Worte und die kleine Lösungsidee!!

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    • Vanessa schreibt:

      Was für mutige und ehrliche Worte! Bitte mach gerade deswegen weiter.

      Mein Kleiner/ Große ist genauso an wie Fips und manchmal habe ich das Gefühl ich würde ihn gerade nur lieben wenn er schläft und einfach mal nicht Mama Mama Mama ruft.

      Es war so lange das schönste was ich jemals hörte und jetzt fühlt es sich oft wie Folter an.

      Ich bin mir ganz sicher, dass das eine Phase ist.

      Und die Begeisterung, Liebe und Hingabe aus der Zeit bisher ist genauso real wie diese Ausgelaugtheit jetzt.

      Diese Phase zwischen Baby und großem Kind, es ist so anstrengend und wir dürfen da auch mal müde und angespannt sein und Zeit für uns wollen.

      Bitte mach weiter, weil du jetzt genauso wie in den letzten 3,5 Jahren so oft in Worte gefasst hast, was sicher ganz vielen durch den Kopf ging und man sich damit gleich viel besser fühlt.

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  2. Jenny schreibt:

    Genauso fühle ich mich auch gerade. Ich will rennen, ohne zu wissen, wohin. Und bin so dünnhäutig wie nie zuvor. Schaue mich im Spiegel an und erkenne mich kaum wieder. Oder sitze im Auto und habe den Gedanken, einfach wegzufahren. Und ich bin so oft genervt…aber von wem? Mir selbst oder den drei Kids? Ich hoffe auf Besserung!

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    • Sabine Wirsching schreibt:

      I feel you… ich hoffe auch auf bessere Zeiten. Was neulich half: Ich habe mir mal vorgesagt, was ich noch alles alles bin außer MUTTERMUTTERMUTTER. Und da kam doch erstaunlich viel zusammen, so dass ich es wieder ein wenig relativieren konnte… und hoffentlich kommen bald auch wieder Zeiten für kleine Fluchten ❤

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  3. Menemin schreibt:

    Ich habe gerade hormonbedingt gegoogelt „Ich will kein zweites Kind“ und bin hier gelandet. Dein Beitrag (also nicht dieser hier, sondern ein zwei Jahre alter) dazu sprach mir aus der Seele. Die Hormone nerven und eigentlich will man nicht. Dieser Beitrag hier zeigt mir noch mal deutlich, wieso ich nicht will. Ich fühlte mich lange, als hätte ich einen dritten Arm. Mein Kind war ein Körperteil von mir, weil noch so abhängig. Das war anstrengend für mich. Papa zählt nicht viel, Hauptsache Mama ist da. Daran hat sich auch nichts geändert – aber er ist nun bald 9 und ich habe fast alle Freiheiten wieder. Das Leben ist wieder richtig toll! Es wird besser und besser. Und auch das Leben mit ihn ist und war natürlich ein Segen, aber hat leider meine Belastungsgrenze deutlich überschritten.

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    • Sabine Wirsching schreibt:

      Wow, genau das fühle ich auch!! Es ist ein Geschenk, aber die Belastungsgrenze ist mehr als erreicht. Ich will nicht mal mehr einen Hund 😀 Man weiß vorher nicht, was es bedeutet, ein Kind zu haben… aber die „Last“ aus Verantwortungsbewusstsein und Selbstaufgabe, die es dafür braucht, habe ich definitiv unterschätzt. Also haltet die Klappe, ihr Hormone! Einzelkinder fetzen.

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  4. Steffi schreibt:

    Vielen lieben Dank für den Beitrag und auch die tollen Kommentare dazu. Mir fehlen oft die Worte um zu erklären wie es mir geht als Mutter geht. Neben all den wunderschönen und hellen Seiten die mein Leben bereichern gibt es eben auch diese Schattenseite. Ich habe mit der Kinderplanung abgeschlossen. Mehr kann ich nicht geben ohne mich dabei zu verlieren.

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