Immer geöffnet!? Die Geschichte von Mamas Selbstbedienungsladen.

Spoiler: Dies ist ein sehr persönlicher Beitrag. Ich weiß von vielen Müttern, die im Zentrum der Alltagsstürme stehen. Oft zerren die familiären Ansprüche an uns, der Job, die Erziehung, die eigenen Altlasten aus Kindheit und Vergangenheit, und dazu erhebt auch noch der Partner Anspruch auf ein anschmiegsames Kuschelweibchen. Grad ist mir alles zu viel. Hier ist der Text dazu.

Zur Zeit kämpfe ich ganz schön mit mir. Ich war immer eher der introvertierte Typ – kleiner Freundeskreis, lieber Hintergrund statt Mittelpunkt, und Konflikte spiele ich auch eher im Kopf durch, statt sie offen auszufechten. Ich habe mich immer viel zurückgezogen. Um zu schreiben oder einfach für mich zu sein.

Auch in Partnerschaften war dieser Rückzug oft Thema. Entweder habe ich zu oft mein Ding gemacht oder ich konnte mein Ding nicht oft genug machen, was sich beides nicht gerade beziehungsfördernd auswirkte. Ich brauche meine Luft zum Atmen, aber das Leben teilen? Das funktionierte so nicht.

Seitdem ich Mutter bin, hat sich das geändert. Von der ersten Minute an habe ich Fips im Stillen versprochen, dass ich immer da sein werde. Und das bin ich. Ob Körperkontakt, Stillen, Familienbett oder einfach die verlässliche Anwesenheit in harten Momenten – ich bin da.

Ich bin da, sage ich.

Ich bin mit dem Gefühl der ständigen Angst vor Liebesentzug väterlicherseits aufgewachsen, und wenn ich einen Fehler bei meinem Kind nicht machen will, dann diesen. „Ich bin doch da“, sage ich, habe ich so oft gesagt, dass Fips mit diesen Worten inzwischen selbst seine Puppen beruhigt.

Es gab Monate, in denen ich denen ich den Raum nicht verlassen durfte, ohne Fips mitzunehmen. Heute noch ist es Fips‘ Liebstes, auf meinem Schoß zu sitzen, wenn ich morgens nach dem Aufstehen aufs Klo gehe. Kein Problem. All das ist kein Problem. Mein Kind ist kein Problem. Sondern mein Herz und mein Blut. Bis Fips sich selbst kleiden, nähren und regulieren kann, hat er ein gewisses Recht auf mich.

Doch im Moment spüre ich so viele andere Kräfte, denen ich dieses Recht nicht einräumen will. Und auch nicht sollte, wenn ich gesund bleiben will. Wenn ich ICH sein will.

Viele sagen, dass Sex der beste Ausgleich für Stress ist. Ich empfinde das nicht so. Wenn der Fipspapa nach einem langen Tag, einer harten Woche, manchmal überhaupt, übergriffig werden will, stellen sich mir die Nackenstacheln auf. Mein Körper hat geschlossen. Bin ich kaputt, irgendwie gestört, kaltherzig, weil ich mich nicht leichtfüßig hergeben kann?

Bin ich spät dran, wenn ich erst jetzt – mit fast 37 – so richtig spüre, in welche Fesseln mich das angstbefrachtete Verhältnis zu meinem Vater legt? Oder lehne ich mich nur zum ersten Mal wirklich auf? Lehne ich mich denn überhaupt auf, oder versuche ich nur klammheimlich zu entkommen?

Bauchschmerzen

Wer darf sich einmischen in unser Leben mit Kind, wessen Last muss ich mittragen, wer darf bestimmen, was sich für mich richtig und falsch anfühlt?

So vieles macht mir Bauchschmerzen. Die Bauchschmerzen heißen vielleicht morbus crohn.

Der Fipspapa und ich rangeln um die richtige Erziehung. Beide sind wir vollkommen unterschiedlich erzogen, haben völlig verschiedene Auffassungen davon, was es bedeutet, ein Kind glücklich zu machen. Man sagt mir, dass diese Streitereien mit der Zeit aufhören, wenn man den gemeinsamen Strang findet, aber gerade lasten sie schwer auf mir.

Vielleicht auch, weil ich nun merke, dass ich nicht länger allein auf der Welt bin, sein kann. Dass ich nicht mehr abhauen kann. Sondern dass mein Platz hier ist, hier bei meiner Kernfamilie. Und dass ich mir dabei nichts mehr wünsche, als dieses kleine Dreigestirn, Vater-Mutter-Kind, mit Frieden, Geborgenheit und Stärke zu füllen.

Doch oft scheine allein ich für diesen Frieden verantwortlich zu sein. Dass Fips tobt und schreit und wankt, ist okay. Das ist das Alter, dafür bin ich Mama. Aber wer fängt mich, wenn ich falle? Habe ich mir deswegen diese Bauchschmerzen zugelegt – damit ich auch mal schreien darf? Und selbst wenn: Funktionieren muss ich trotzdem.

Aber ich mag kein Selbstbedienungsladen für alle sein, wenn ich nicht mal weiß, was ich überhaupt anzubieten habe. Ich kenne meinen eigenen Standpunkt nicht. Ich nehme mich selbst nicht wichtig – wie kann ich dann erwarten, dass andere das tun?

Als ich mit Fips schwanger war und das Beschäftigungsverbot erkämpft habe, da bin ich zum ersten Mal wirklich für mich eingetreten. Wenn ich in harten Momenten mit Fips die Geduld und die Ruhe als Geborgenheit bewahre, dann trete ich für das Kind ein, das ich mal war. Aber ich muss das auch sonst und weiterhin tun. Muss irgendwie lernen, den Dingen die Stirn zu bieten und mich nicht hinter dem Wunsch nach Ruhe-egal-wie verstecken.

Kannste vorleben, oder kannste vergessen

Ich kann nicht mehr introvertiert sein. Es gibt den totalen Rückzug nicht mehr. Ich bin Mama. Ich kann nur mitgeben, was ich selber vorlebe – Zeit, erwachsen zu werden.

Die Gedanken sind die Taten der Introvertierten. Rede ich mir das jetzt schön? Aber ja, schön wäre es. Stand up for you, Mama. Ich werde versuchen in den harten Momenten jedes Mal ein Stückchen näher bei mir zu sein.

Vielleicht komme ich ja irgendwann an. Und dann mach ich den Laden wieder auf. Aber nur für handverlesene Stammkundschaft.

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