Willkommen im Zirkus: Die Trotz(dem)-Phase

„Ich will das nicht! Neiiiin! Ich will doch! Neiiiiin! Ist so nicht richtig! Ich will!!! Neiiin! Waaaaaah…!!“ Hände hoch, wem schon beim Lesen der Schweiß ausbricht. Und Hand aufs Herz: Wer würde an diesen Alles-falsch-Tagen nicht auch am liebsten wegrennen wollen? Also ich wäre jedenfalls dabei: Ab auf die Insel der gestressten Mamas, Cocktail in die Hand, Sonnenbrille auf die Nase und nichts-nichts-nichts hören außer dem sanften Rauschen der Wellen und kein Stress außer der Wahl zwischen Pina Colada und Long Island Ice Tea.

Aber wir sind ja nicht bei Wünsch dir was. Wir sind mitten im tobenden Orkan der gefürchteten Terrible Two.

Liebe sie, dann frisst du sie nicht

Die sogenannte Trotzphase ist (neben der Pubertät) der Grund, weshalb unsere Kinder als süße Babys geliefert werden: Die Natur will, dass wir sie unwiderruflich  ins Herz schließen. Damit wir sie nicht teeren, federn und grillen, wenn der niedliche Zweijährige beim Anziehen, im Supermarkt oder aus dem Blauen heraus zum Amokläufer mutiert.

Atme durch, Mama: Jede von uns hat das schon erlebt. Und wenn es jede von uns erlebt, dann bedeutet das, dass es nicht unser Fehler ist. Es bedeutet, dass es hinter dem aufgerissenen Schlund der Hölle, der sich in diesen Momenten vor uns öffnet, vielleicht einen Plan gibt.

Versteh sie, dann musst du nicht durchdrehen

Das Beste vorweg: Wenn du an dem Punkt bist, dass dein Zweijähriger sich schreiend zu Boden wirft, Mama, dann hast du schon etliche Entwicklungsschübe erfolgreich überlebt. Du wirst also auch diesen überstehen. You are a survivor – auch wenn du vielleicht gerade am liebsten mitheulen willst.

Nix mitheulen: In grauer Vorzeit wäre klar gewesen, was in diesen Momenten zu tun gewesen wäre. Radikale Methoden waren angesagt, um das „Bocken“ und „Manipulieren“ zu brechen. Aufgabe der Erziehenden war es, ihre Autorität gegenüber dem randalierenden Kind zu beweisen. Keifen, Drohen, aufs Zimmer schicken – das ganze Programm.

Die gute Nachricht ist: Das müssen wir Mamas der Gegenwart nicht mehr. Kluge Menschen haben nämlich herausgefunden, dass unsere Kinder nicht mit Absicht zum Terroristen werden. Sondern dass mal wieder ein verdammter Entwicklungsschub schuld ist.

Die schlechte Nachricht ist: Wir müssen nun neue Wege finden.

Einfach den Schalter umlegen?

Wir haben sie als süße, hilflose Babys bekommen, und irgendwann wollen wir sie als verantwortungsbewusste, entscheidungskompetente Menschen in ein selbstständiges Leben entlassen.

Schön wär’s, wenn es einen Schalter gäbe, den man einfach umlegen könnte. Klack! Und schon wäre aus dem Persönchen, dem wir das Brot schmieren und kleinschneiden müssen, ein Erwachsener geworden, der seine Brötchen selber verdient.

Aber … würden wir so einen Klack-fertig!-Schalter wirklich wollen? Nee, oder? Die Zeit vergeht ja so schon viel zu schnell.

Willkommen im Zirkus des alltäglichen Wahnsinns

Also müssen wir wohl akzeptieren, dass wir einen langen, mühsamen Weg in die Autonomie vor uns haben. Den, bei dem tausend fiese Clowns durch die Synapsen des Kinderhirns turnen und den Zirkus des alltäglichen Entscheidungswahnsinns aufführen.

Denn plötzlich wird alles zur relevanten Sinnfrage: Als Babys zum Beispiel haben wir sie angezogen, wie wir es für richtig hielten – heute machen die Synapsen-Clowns bereits aus der Frage Katzenpulli-oder-Peppapulli eine morgenfüllende Nervenshow.

Wir Mamas sind das Publikum. Oder halt – wir sind nicht nur Zuschauer. Leider. Denn wir sind diese bedauernswerten Individuen, die von ihrem bequemen Sitz ins gnadenlose Scheinwerferlicht der Manege gezerrt werden, damit man dort allerhand gemeine Scherze mit uns treiben kann.

Doch was wir dabei nicht vergessen dürfen: Unsere Kinder sind nicht die Fieslinge unter den Clowns. Auch wenn es ihr Hirn ist, dass uns durch das Horrorshow-Programm der Tage kommandiert, so sind sie selbst bestenfalls der dumme August, der ständig über seine eigenen Füße fällt.

Mein Kind will mich nicht manipulieren – was nun?

Können wir auf einen dummen August wütend sein? Wollen wir den dummen August anschreien und auf sein Zimmer schicken? Hätte er das verdient? Oder wollen wir eigentlich hingehen, ihm hochhelfen und ihn vor den fiesen Clowns in Sicherheit bringen?

Ja, eigentlich wollen wir genau das. Ich denke, du würdest alles für dein Kind tun, Mama. Du würdest hungern, um es zu füttern; du würdest dein letztes Hemd hergeben, um es zu wärmen; du würdest den weitesten Weg auf Händen und Knien zurücklegen, um es zu trösten. Alles würdest du tun, alles.

Das Problem ist nur: Einem Kind in der Autonomiephase kann man nicht leicht helfen. Oft versteht man nämlich schlicht das Problem nicht. Was soll der Zirkus? Was machst du für ein Theater?, rufen wir, weil wir die Nummer, die da aufgeführt wird, einfach nicht kapieren.

Und wenn wir nicht verstehen, können wir nicht helfen. Dann stehen wir da mit tausend Hilfsangeboten und alle werden ausgeschlagen. An dieser Stelle legt sich in unserem Kopf ein Schalter um. Und er befiehlt: Hau ab oder kämpf!

Alternativen zur Flucht

Abhauen können wir nicht (obwohl der Satz „Wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich allein“ dem sehr nahe kommt). Also reagieren wir mit Aggression, weil wir dem dummen August nicht helfen können. Das ist scheiße, aber es ist unser Steinzeit-Erbe.

Allerdings leben wir nicht mehr in Höhlen. Und auch wenn Aggression der stärkste Impuls ist, müssen wir dem nicht folgen. Wir müssen unseren Kindern nicht ins Chaos folgen, denn wir sind die, die das mit der Vernunft und den Entscheidungen bereits gelernt haben. Es gibt immer Alternativen. 

Nie braucht ein Kind mehr Liebe und Verständnis als in den Momenten, in denen es von seinen eigenen explodierenden Emotionen am Nasenring durch die Arena gezerrt wird. Und ich bin sicher, dass du das im tiefsten Innersten weißt, Mama.

Jetzt erst recht

Neulich las ich, dass es „Trotz-Phase“ heiße, weil man sein Kind in dieser Zeit trotzdem lieben solle. Aber eigentlich müsste es „Jetzt-erst-recht-Phase“ heißen. Ich liebe dich, Kind, wenn du glücklich bist und das Leben mit dir leicht ist. Aber ich liebe dich erst recht, wenn der Zirkus des Lebens uns beide im staubigen Sand der Manege niederstreckt.

Denn wir werden wieder aufstehen – weiser, stärker und unbesiegbar. We are survivors. Komm her, wenn du soweit bist. Ich bin da.

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