Das Ende der heiligen Weiblichkeit (Teil 3)

Nach Teil 1 “Die Gesellschaft der Großen Mutter” und Teil 2 “Von der Mutter zum Vater” dreht es sich bei diesem Teil um die Rolle, die Glaube, Religion und Kirche bei der Umdeutung der weiblichen Rolle und der Bedeutung weiblicher Schönheit in der Gesellschaft spielten. 

Kein einfaches Thema, besonders für alle, die selbst (nicht) glauben. Deswegen muss ich mich kurz selbst erklären, bevor es losgeht.

Gott und ich. No Lovestory.

Es fällt mir schwer, beim Thema Religion einen objektiven Faden zu finden. Gott und ich, wir haben ein schwieriges Verhältnis. Als kleines Mädchen habe ich mir eine Art Naturgöttin ausgedacht, die mich beim Spielen auf feuchten Moorwiesen behütet hat – von der Existenz einer Großen Mutter wusste ich da noch nichts. 

Zu dem Gott, den ich im Religionsunterricht kennenlernte, entwickelte ich nach der ersten Begeisterung für die Geschichten in der Bibel eine ziemlich trotzige Haltung: Na, gibt’s Dich? Hm? Dann komm raus, wenn Du Dich traust, Alter! Ja, ich könnte mir vorstellen, dass es “Etwas” gibt, aber für mächtig halte ich Gott nicht. Und wenn das Etwas doch mächtig sein sollte, dann scheint es nicht mehr für seine Schöpfung zu interessieren, so wie Kinder ein abgeliebtes Spielzeug vergessen.

„Gott schloss die Augen und wünschte, es gäbe jemanden, zu dem er beten könnte.“

Ronald F. Curie „Gott ist tot“

Oder es ist wie in Ronald F. Curries Roman “Gott ist tot”. Hier ist Gott eine Frau im Sudan, die sich bei den Menschen für ihre Machtlosigkeit angesichts des Elends entschuldigen will. Die einzige Gabe, die sie mit den Menschen teilen kann, ist ein kleiner Sack Hirse, und sie ist selbst voller Angst. Sie stirbt bei einem Angriff im Bürgerkrieg und der eindrucksvollste Satz für mich lautete: “Gott wünschte, es gäbe jemanden, zu dem er beten könnte.”

Im Gegensatz zu einem mächtigen, aber desinteressierten Etwas könnte ich mir das durchaus vorstellen: einen guten, aber hilflosen Gott, dem seine Schöpfung durch die Gabe des freien Willens völlig aus dem Ruder gelaufen ist. 

In meinem persönlichen Leben spielt Gott jedenfalls keine Rolle, könnte ich sagen.

Das stimmt aber nur bedingt. Ich bete nicht, ich gehe nicht in die Kirche, aber aufgewachsen bin ich doch mit den moralischen Grundlagen des Christentums – von den 10 Geboten bis zur Heiligen Jungfrau Maria. 

Dass unsere Kultur heute auf diesen Grundwerten aufbaut, hat seinen Ursprung aber weniger im persönlichen Glauben als in der Institution Kirche. Und dieser Institution ging es für meinen Geschmack viel zu oft nicht darum, ihre Anhänger geborgen in einer Gemeinschaft zu vereinen, sondern darum, über den Glauben möglichst viele Menschen zu beherrschen und Macht auszuüben. 

Zwei Beispiele dafür sind etwa Karl der Große und die Hexenverfolgung:

  • Im 8. Jahrhundert versprach Kriegerkönig Karl dem Papst, die heidnischen Sachsen zu christianisieren. Obwohl dies mehr mit dem Schwert als durch den Glauben geschah, einte er so sein zersplittertes Reich mithilfe der Religion und erhielt dafür im Austausch vom Kirchenoberhaupt die Kaiserwürde.
  • Im frühen 13. Jahrhundert begann die Kirche, Andersdenkende systematisch zu verfolgen. Mit den sogenannten Hexen sollte nicht nur heidnisches Wissen etc. vernichtet werden – die Kirche verleibte sich auch die Besitztümer ihrer Opfer ein.

Meine Abneigung gegen Institutionalisierung und Machtgier dieser Art verleitet mich manchmal dazu, Glauben, Religion und Kirche zu verwechseln. Ich hoffe, ich kriege es in den nachfolgenden Absätzen trotzdem einigermaßen hin, nichts in der Entwicklung per se als zielorientiert böswillig abzustempeln.

Von der Verehrung zur Entwertung des Weiblichen

Zurück zum Text. Der letzte Satz lautete: Es brauchte einen Gott. Ich hätte auch schreiben können: Um das Weibliche zu entmachten, war göttliche Legitimation nötig. Aber Göttlichkeit gab es ja schon längst. Nur war die bis zu diesem Punkt in der Geschichte überwiegend weiblich. Männliche Götter wurde erst erfunden und “der Eine” ließ eine ganze Weile auf sich warten.

In einem langsamen, generationenüberspannenden Wandel wurden aus der Großen Göttin und Erdmutter zunächst viele Gottheiten beider Geschlechter, bevor die männlichen Götter an Gewicht gewannen: Erste Nachweise auf einen sogenannten Vatergott finden sich etwa 3.000 v. Chr. in Mesopotamien (also dem heutigen Irak). Enlil galt dort als der wichtigste aller Götter, König des Himmels und der Erde und eine Kernfigur der sumerischen Religion. In seinem Namen regierten und eroberten auf der Erde erstmals ebenfalls männliche Könige und Herrscher. 

Wer im Himmel herrschte, herrschte auch auf Erden.

Die heutigen Weltreligionen bauen ebenfalls auf einem göttlichen “Er” auf:

  • Das Judentum ist die älteste der heutigen Weltreligionen und entwickelte sich etwa 3.000 v. Chr. – etwa parallel zur Verehrung Enlils. Es verbreitete sich durch fahrende Händler und durch die Vertriebenen nach der Zerstörung der Staaten Israel und Juda im Jahr 586 v. Chr. in aller Welt.
  • Das frühe Christentum entwickelte sich in den drei Jahrhunderten nach der Kreuzigung Jesu aus dem Judentum. 380 n. Chr. wurde es zur römischen Staatsreligion. Den deutschsprachigen Raum erreichte es 500 Jahre später unter Karl dem Großen. Er versprach dem Papst, die heidnischen Sachsen zu christianisieren. Obwohl dies mehr mit dem Schwert als durch den Glauben geschah, einte er so sein zersplittertes Reich mithilfe der Religion und erhielt dafür im Austausch vom Papst die Kaiserwürde.  
  • Der Islam entstand quasi mittendrin: Das Jahr 1 für Muslime ist das Jahr 622 n. Chr. Anhänger des Propheten Mohammed schrieben nach dessen Tod Gottes Botschaft nieder und verbreiteten sie als Koran in der Welt.

Das Prinzip der männlichen Gottheit und der männlichen Herrscher setzte sich überall auf dem europäischen Kontinent durch – nicht von einem Tag auf den anderen, aber beharrlich und unumkehrbar. Von diesem Wandel erzählen zahlreiche Legenden in allen heutigen Kulturen, die stets den Sieg eines männlichen Helden über ein Untier feiern. Dieses Wesen erscheint dabei in der Regel in Gestalt eines Drachen oder einer Wasserschlange – beides geheiligte Tiere der Erdmutter. 

Töte den Drachen – unterwerfe die Weiblichkeit.

Ob es sich dabei um den Sieg von Marduk über die babylonische Göttin Tiamat handelt, den Sieg des Erzengels Michael über den Drachen oder später den Sieg Siegfrieds über den Lindwurm im Nibelungenlied – beschrieben wird stets der Sieg des Männlichen über das Gefährliche, Dunkle und Chaotische, was in einer Symbolform des Weiblichen erscheint.

Von der Gleichheit zur Ungleichheit

Und so wie es sich in den Legenden immer um Vernichtung und Tod drehte, bedeutete der Aufstieg der männlichen Herrscher auch im wahren Leben keine friedliche Umdeutung der alten Genderrollen. Mit dem Kampf ums Überleben der eigenen Gruppe zog ein Kampf um die Macht ein, bei der die eigene Erhöhung über die Erniedrigung der anderen stattfindet. 

Kaja Andrea Otto formuliert: “Gab es zuvor Gleichheit unter den Menschen, in der man miteinander war und Führung nicht hieß, zu herrschen, sondern zu verwalten, so veränderte sich nun die gesellschaftliche Struktur von egalitär zu hierarchisch. (…) Von da an begann historisch die Zeit der Rassen- und Klassentrennung, der Erhebung des Männlichen über das Weibliche und des Menschen über die Natur.”

Denn mächtig sein bedeutet, andere zu beherrschen – und beherrschen kann man nur die, die schwächer sind als man selbst.

Um sich selbst groß zu machen, muss man also andere kleinmachen, abwerten und kontrollieren. 

Um das Patriarchat zu festigen, wurden demnach alle nicht-männlichen Gender abgewertet, allen voran die ehemaligen Hüterinnen des Matriarchats.

Alte Werte, neue Tabus

Schriftliche Dokumente wie die Thora, die Bibel und der Koran halfen bei der Ausbreitung der neuen Religionen und der neuen Regeln. Die Darstellung (und v.a. die Interpretation) dieser Schriften unterstützte die männlichen Herrscher darin, sich die Frauen unterzuordnen. Dies geschieht, indem sie den Mann in den Fokus rücken und teils sogar Bestandteile des alten Glaubens an die Erdmutter mit neuer Bedeutung einbauen. Dies geschah etwa so:

  • Im Matriarchat glaubten die Menschen, dass Kinder von der Göttin gesandt waren, um von den Frauen geboren zu werden. Daraus wurde in der Bibel die “unbefleckte Empfängnis” der Jungfrau Maria. 
  • In der alten Zeit zogen sich menstruierende Frauen zurück, um ihre magische Verbindung mit der Erdmutter zu feiern. Das Menstruationsblut war positiv besetzt und wurde sogar für verschiedene, mächtige Rituale verwendet. Im Islam und im Judentum dagegen gelten Frauen während der Periode bis heute als “unrein” und müssen eine rituelle Säuberung vollziehen, um wieder durch den Mann berührbar zu sein.
  • Ziege, Kuh und Gans galten ursprünglich als heilige Tiere der Erdmutter. Die Tiernamen wurden später zu Schimpfworten umgedeutet, die explizit dazu dienen, Frauen abzuwerten. Auch Bezeichnungen für das weibliche Genital wurden missbraucht: Das “F-Wort” ist bis heute eine der heftigsten Beschimpfungen.

Kaja Andrea Otto fasst kurz zusammen: “In dem Moment, wo es den männlichen Gott gab, wurde dieser als vermeintlicher Auftraggeber für alle Taten ausgegeben (…) die Vorstellung der Überlegenheit des Mannes [wurde] selbsterfüllend – waren es doch die Männer, die Gesetze machten, Gesellschaften formten, Geschichte schreiben und Religionen erfanden.”

Doch nichts davon geschah schnell und es gab auch keinen diabolischen (oder divinen) Masterplan. Die monotheistischen Religionen formten sich langsam und über Jahrhunderte hinweg zu dem, was wir heute kennen.

Die männlich dominierte Herrschaft war dadurch gefestigt. Die Männer bestimmten über die neue Welt und auch über die Frauen. Was blieb, waren das Wunder der Geburt und die Macht der Sexualität. Nur Frauen können gebären und die Lust blieb ein Urtrieb, ein tiefes menschliches Bedürfnis. Die Verlockung durch das Weib ließ sich nicht einfach abstellen – und das wurde ein großes Thema für die Kirche.

Doch ewig lockt das Weib

Zur Zeit der Großen Mutter wurden Frauen in aller Natürlichkeit verehrt, begehrt und lebten eine anerkannt freie Sexualität. Dem machte die Kirche nun ein Ende. Die Unterdrückung der weiblichen Sexualität wurde zu einem wichtigen Werkzeug, um die Frau zu unterordnen – Gehorsam, Reinheit und Tugendhaftigkeit waren die neuen Richtwerte. 

Im Christentum galt die Jungfrau Maria als Mutter Jesu als Vorbild: Sie galt als schön und demütig, ist tugendhaft rein und trotzdem fruchtbar. Ihr sollten alle Frauen in Gehorsam und Keuschheit nacheifern. 

Brüste und Hüften: „Die Körperteile, die wir entwicklungsgeschichtlich am meisten bewundern sollten, sind die, die wir am stärksten hassen sollen.“

Megan Jayne Crabbe

Generell bemühte sich die Kirche, den natürlichen Sexualtrieb beider Geschlechter ins stille Kämmerlein zu verbannen und ihm den schmuddeligen Beigeschmack von Sünde und Schuld zu verleihen. Doch Kinder mussten weiterhin geboren werden, um die väterliche Linie zu erhalten. Und so sehr Frauen auch an den Rand gedrängt wurden, sie blieben notwendig – genau wie Sex. Völliges Zölibat war unmöglich. Anders gesagt: Auch im Patriarchat brauchten und begehrten die Männer Frauen. 

Und diese “Macht”, die im Matriarchat positiv, schön und richtig gewesen war, wurde zum Auslöser für grenzenlose Verachtung. Nichts brachte das vermeintlich starke Geschlecht mehr auf, als im sexuellen Bereich noch immer vom doch nun vermeintlich schwachen Geschlecht “beherrscht” zu werden. 

Noch mehr Kontrolle war die Folge: Aktive weibliche Lust durfte nicht mehr stattfinden. Fruchtbarkeit und Fortpflanzung waren die einzige Berechtigung, überhaupt sexuell tätig zu sein. Doch die Kirche drängte sich nicht nur ins Schlafzimmer der Menschen – es ging noch weiter.

Die Zeit der Hexenverfolgung

Im Zuge der  sogenannten ‚Kleinen Eiszeit‘ (1350–1850) verschlechterten sich die wirtschaftlichen Bedingungen in vielen europäischen Regionen, was die gesellschaftlichen Spannungen verschärfte. Missernten, Inflation, Seuchen und Wetterphänomene ängstigten die Menschen – die Suche nach Erklärungen für die unerklärlichen Umstände mündeten schnell in eine Suche nach Schuldigen. Die Kirche nutzte diese Situation gern, um alles zu beseitigen, was nicht dem christlichen Glauben entsprach.

Ab dem Jahr 1487 entwickelt die Inquisition hier mit dem sogenannten “Hexenhammer” umfassende Durchschlagskraft: Mit diesem Dokument legitimierte der Papst höchstselbst die brutale Verfolgung vermeintlicher Hexen. Das 700-seitige, extrem frauenfeindliche Buch baute dabei auf grotesken Annahmen auf: Der Autor, ein Dominikanermönch und Inquisitor namens Heinrich Kramer, deutete historische Tatsachen um und ließ seiner Fantasie mehr oder minder freien Lauf, um die Rechtmäßigkeit der Verfolgungen zu untermauern und jeden Widerspruch zu verhindern.  

„Geschichte (wird) immer von dem geschrieben, der die meiste Macht hatte.“

Kaja Andrea Otto

Im Zuge der “Hexenverfolgung” wurden insgesamt etwa 100.000 Menschen getötet. Die Opfer entstammen allen Geschlechtern und Ständen sowie allen Berufs- und Altersgruppen, auch Kinder waren dabei. Besonders häufig angeklagt wurden jedoch

  • Hebammen und Heilerinnen: Diese wurden auch als Hexe oder “Hagazussa“, d.h. als Heckensitzerinnen bezeichnet, denn sie hielten sich angeblich viel am Waldrand auf, um dort ihre Kräuter zu sammeln und durch den Wald in eine andere Welt zu gelangen. Die Kunst der Medizin war in Augen der Kirche ohnehin eine zweischneidige Angelegenheit (mischte man sich doch in den Willen Gottes ein) und gerade das Wissen um die Geburt war immer noch mystisch umwoben und damit “gefährlich” – vor allem in den Händen von Frauen. 
  • Frauen mit anderweitig besonderen Fähigkeiten; z.B. wurden in England Frauen verurteilt, die schwimmen konnten – mit der Begründung, das Wasser würde sie als Hexe abweisen.
  • unabhängige Frauen, die unverheiratet und/oder nicht im vorherrschenden Rollenverständnis eingebettet und daher “unkontrollierbar” waren.
  • kinderlose Frauen, die außerhalb der Mutterrolle weniger beherrschbar waren und aufgrund mangelnder Fruchtbarkeit ohnehin als weniger wertvoll galten
  • Frauen, die bei ihren Ehemännern in Misskredit gefallen waren, oder im Ruf standen, die Ehemänner anderer Frauen zu verführen
  • Frauen, die keinem (männlichen) Schutz unterstanden

Ob ledig oder verwitwet, jung oder alt, unabhängig oder unliebsam, wohlhabend oder arm… etwa 80% der vermeintlichen Hexen waren weiblich. 

Bei den Prozessen wurden wilde Geschichten erfunden, in denen die beschuldigten Frauen nackt um Feuer tanzen und um den Teufel buhlen – als weiterer Beweis für die Theorie, dass “lüsterne Frauen” verwerflich, böse und gefährlich seien. Sogar die inneren Organe der Frau wurden dabei als Beweis für das teuflische Wesen der weiblichen Lust herangezogen: Schließlich sieht die Gebärmutter mit den Eileitern mit ein bisschen patriarchaler Vorstellungskraft aus wie der Gehörnte persönlich.

Die „Hexenwunde“: „Wenn wir das Miteinander von Frauen […] besonders in Deutschland betrachten, ist dies eine epigenetische, ahnengeprägte Wunde, die nicht zu unterschätzen ist.“

Kaja Andrea Otto

Während dieser Zeit entstand auch das Narrativ von Missgunst und Neid als den “typisch weiblichen” Eigenschaften: Während dieser Epoche herrschte besonders unter den Frauen die blanke Furcht. Da die Inquisition mit ihren Methoden praktisch jeden für schuldig befinden konnte, schien Verrat oft als die einzige Möglichkeit, um sich selbst zu retten: Wer seine Mitmenschen ans Messer liefert, überlebt. Und so verrieten viele Frauen ihre Nachbarn und Nachbarinnen. Natürlich stand hinter dem Verrat auch oft der Wunsch, diese Menschen aus selbstsüchtigen Gründen loszuwerden, aber das Grundmotiv der abgünstigen Frau entstand aus purer Existenzangst. 

Die meisten Hexenprozesse im Namen der Kirche fanden im Deutschen Reich um 1590 sowie um 1630 und um 1660 statt – die letzte Verbrennung einer vermeinten Hexe erfolgt 1807 in Polen und der letzte Hexenprozess wurde 1944 in Schottland geführt: Doch die epigenetische Angst vor Verrat steckt uns bis heute in den Knochen, so beschreiben es Kaja Andrea Otto und auch Miriam Wagenblast: Unser kulturelles Gedächtnis trägt die Erinnerung, dass wir als Frauen jederzeit be- und verurteilt werden können. Was uns bis heute dazu bringt, uns ständig davor zu fürchten, was andere über uns sagen oder denken könnten.

Von der Göttin zum Objekt

Fassen wir zusammen: Über die Jahrtausende wurde die Frau von der zentralen Kraft in der Mitte der matriarchalen Gesellschaft zum Beiwerk des Mannes – sie wurde Ehefrau, Mutter seiner Kinder, Wirkende in seinem Haushalt. Statt im Zentrum zu stehen, ist sie nun Objekt – ein Statussymbol. 

Dieser Zustand hielt viele hundert Jahre an. 

Erst im 20. Jahrhundert kamen Frauen langsam wieder in die Position, sich ihre Rechte als freie, selbstständige Individuen zurückerobern zu können. In Deutschland sah das z.B. so aus: 

  • Ab 1900 durften sie in – zuerst in Baden – an Universitäten studieren.
  • Ab 1918 durften auch Frauen wählen und gewählt werden. 
  • 1957 beschloss der Bundestag das sogenannte Gleichberechtigungsgesetz, um den Art. 3 Abs. 2 des Grundgesetzes („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“) endlich konkreter umzusetzen. Das Gesetz trat 1958 in Kraft und ist in den kommenden Jahrzehnten die Grundlage für weitere Gesetze wie z.B. eigenes Vermögen nach der Heirat, gleichberechtigtes Sorgerecht für gemeinsame Kinder oder Verpflichtung zu Unterhaltszahlungen nach Scheidungen.
  • 1961 kam die Pille auf den Markt und ermöglichte Frauen damit selbstbestimmte Verhütung sowie (nachdem der Verkauf auch an unverheiratete Frauen gestattet wurde) eine freiere Sexualität – Kondome aus Gummi waren übrigens bereits seit 1880 auf dem Markt.
  • Ab 1962 durften Frauen ein eigenes Konto eröffnen und selbst über ihr Geld verfügen.
  • Ab 1976 wurde bei Scheidungen nicht mehr um die Schuldfrage gerangelt. Stattdessen muss nur noch nachgewiesen werden, dass die Ehe zerrüttet ist und die Partner seit mind. einem Jahr getrennt leben.
  • Seit 1977 durften verheiratete Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemanns einen Beruf ausüben – bis dahin durften sie nur den Haushalt “in eigener Verantwortung” führen.
  • Bis 1997 (!) galt Vergewaltigung nur “außerehelich” als strafbar. Die Debatte über die Änderung des §177 zog sich über ganze 14 Jahre hin und blieb bis zur Abstimmung ambivalent. So stimmten u.a. Horst Seehofer und Friedrich Merz am Ende gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe.
  • Das Recht auf Abtreibung ist bis heute Bestandteil des Strafgesetzbuchs. Laut §218 ist sie nur unter Einhaltung bestimmten Voraussetzungen straffrei und wird – ohne medizinische Indikation oder Vergewaltigung – auch nicht von den Krankenkassen übernommen.

Dies sind nur einige Beispiele als Verdeutlichung, wie viel Einfluss dem Ehemann und dem System noch bis vor Kurzem auf Handeln und Leben der (verheirateten) Frau gewährt wurde und gewährt wird. Und ob offiziell gleichberechtigt oder nicht: Alle göttlichen Aspekte der Weiblichkeit sind ausgelöscht. 

Wer Worte umdeutet, verändert das Narrativ.

“Zickigkeit”, “Fotze” und “dumme Kuh” sind weiterhin gebräuchliche Begriffe, um eine Frau zu diffamieren. “Du hast wohl Deine Tage!” kann jede weibliche Meinungsäußerung praktisch stummschalten und selbstbestimmte, weibliche Sexualität trägt unverändert einen Beiklang von “irgendwie verwerflich”, “schlampig” und “schmutzig”. Sexy darf nur sein, was die Frau in der Objekthaftigkeit belässt und was dem männlichen Blick gefällt.

Denn eins hat sich nicht verändert: Schön soll die Frau sein, vor allem schön. 

Was als schön gilt, ist definiert durch (wechselnde) gesellschaftliche Vorgaben, die wir alle – Männer wie Frauen – tief verinnerlicht haben. Was das genau bedeutet, davon handelt das nächste Kapitel “Warum wir dünn sein sollen” (noch in Arbeit).

* Das Thema Schönheit ist komplex, oft belastend und tief in unserer Kultur verwurzelt, gerade bei Frauen und Mädchen. Aus meiner Recherche für diesen Post ist inzwischen ein größeres Projekt entstanden. Schau doch mal rein bei “Wir sind schön”.

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